Großartige Anstrengungen

31 May 2018

  • Rennäder
  • Orbeaterritory

Veröffentlicht von Steph Nitsch

„Eine gute Vorbereitung verhindert eine schlechte Leistung.“ An dieses Motto erinnert sich Dean Stott gerne und häufig: ein pragmatisches oder sogar systematisches Stück Weisheit, das er bei den britischen Sondereinsatzkräften gelernt hat. Dieser Grundsatz leitet Stott bei allen seinen Handlungen, den alltäglichen ebenso wie den außergewöhnlichen, um ihm zum Erfolg zu verhelfen. Seine jüngste Leistung? Amerika in seiner ganzen Länge abfahren, von der Südspitze in Ushuaia, Argentinien, bis in den höchsten Norden nach Prudhoe Bay, Alaska, über die Panamericana und dabei gleich zwei Guinness-Weltrekorde brechen!

Stott ließ sich von seinem Freund und früheren Soldatenkumpel Prinz Harry, Herzog von Sussex, motivieren, um die 22.500 km lange Strecke zugunsten der britischen Wohltätigkeitsorganisation Heads Together zurückzulegen. Seine bis dahin geringe Erfahrung auf dem Fahrrad konnte ihn nicht davon abhalten, diese große Herausforderung anzunehmen. Mit einem minimalen Unterstützungsteam und zwei Kameras, um die Fahrt dokumentarisch festzuhalten, machte er sich auf, gleich zwei Rekorde zu brechen: die schnellste Fahrraddurchquerung Südamerikas (48 Tage und 54 Minuten) und die schnellste Fahrt über die gesamte Panamericana (99 Tage, 12 Stunden und 56 Minuten), 17 Tage weniger als der frühere Rekord.



Wir haben Stott ein paar Tage nach der Hochzeit von Prinz Harry erwischt, kurz nach seiner amerikanischen Rekordleistung. Obwohl er noch ganz im Taumel seines großen Erfolgs war, baten wir ihn, über die wesentlichen Aspekte seiner Fahrt und die Vorbereitung darauf nachzudenken.

Warum wählten Sie das Fahrrad für diese Herausforderung?

Nach meiner Knieverletzung [als Fallschirmjäger in der Armee] konnte ich plötzlich kaum noch 50 Meter am Stück laufen. Ich habe nicht mal gemerkt, wie sehr mich das deprimiert hat. In dem Moment war Radfahren für mich wie eine Erlösung. Ich konnte mein Selbstvertrauen und meine Mentalität stärken, und das Knie tat dabei nicht weh. Mein Antrieb ist das unerbittliche Streben nach Exzellenz, und das wollte ich auf das Radfahren und diese Herausforderung übertragen.

Wie kamen Sie zur Zusammenarbeit mit Heads Together?

Zu der Zeit wurde im Parlament gerade viel über psychische Gesundheit debattiert. Kate [Middleton, Herzogin von Cambridge] ist eine junge Mutter und engagiert sich für Frauen mit postpartaler Depression. [Prinz] William [Herzog von Cambridge] war früher Rettungshubschrauberpilot gewesen und schockiert von der hohen Anzahl an Selbstmorden, bei denen er eingesetzt wurde. [Prinz] Harry [Herzog von Sussex] hatte zwei Einsätze in Afghanistan und kam dabei viel mit militärischen Problemen in Kontakt. Die drei zusammen hatten viele verschiedene psychische Probleme gesehen. Als ich dann im Mai 2016 Harry eine Nachricht über meine neueste Herausforderung schickte, bat er mich darum, damit seine neueste Kampagne [Heads Together] zu unterstützen.

Wie kamen Sie in Kontakt mit Orbea und den anderen Sponsoren?

Als Nichtradfahrer fiel es mir wahnsinnig schwer, an Fahrradmarken heranzutreten. Orbea war von Anfang an von der Idee begeistert und war eher als andere bereit, Risiken einzugehen. Als ich vor zwei Jahren die erste Idee hierzu hatte, fühlten sich die Sponsoren zu Heads Together hingezogen, aber ich habe dabei etwas lernen können: Es ist nie zu spät, mit einer neuen Sportart anzufangen. Der Erfolg hängt allein von den Beinen und von der Einstellung ab.

Wie begann die Reise?

Als ich in Argentinien ankam, galt meine größte Sorge nicht den Bergen, sondern dem Wind. Patagonien ist größtenteils extrem flach, und der Wind weht darüber mit großer Stärke. Er war gnadenlos. Ich hatte mit Rückenwind gerechnet, deswegen begann ich in Ushuaia und nicht in Alaska, aber es kam ganz anders. Ich hatte Seitenwind mit einer Windgeschwindigkeit von bis zu 75 km/h, und nach sieben Tagen lag ich 62 km hinter meinem Plan zurück. Danach wurde es zum Glück besser, und ich wusste, dass ich in Peru Rückenwind haben würde. So konnte ich dann doch noch meinen Plan einhalten, und den ersten Rekord brechen, weil ich 2500 km lang Rückenwind hatte.

 

 

Erschien Ihnen die Herausforderung irgendwann einmal zu groß? Hatten Sie das Gefühl, aufgeben zu müssen?

Dank meines Hintergrunds als Soldat wusste ich, dass ich geistig und körperlich stark war. Meine größte Befürchtung war, dass mich irgendwelche Außenstehenden behindern könnten. Ich hatte nicht erwartet, dass mich die Hindernisse vom ersten Tag an begleiten würden. Die erste Woche war echt schwierig. Ich orientiere mich immer am Ziel und muss deswegen dem Plan voraus sein. Es war zwar nie richtig schlimm, aber während dieser ersten Woche gab es schon schwierige Momente wegen des Wetters und wegen Familienereignissen, die ich verpassen musste.

Wie haben Sie auf einer so langen Strecke die Motivation aufrechterhalten?

Ich betrachte nicht die Herausforderung als Ganzes. Ich habe sie in Etappen aufgeteilt, in Tage. Jeden Tag vier Strecken von jeweils etwa zweieinhalb Stunden. Das ist für mich die Höchstzeit, um mich nicht zu langweilen. Und fast ohne es zu merken, ging der erste Tag rum, dann der zweite, dann ein ganzes Land. Es kam der Tag, da erschienen mir weniger als 240 km am Tag ein schlechter Schnitt. Für mich war es wie ein Schachspiel gegen Mutter Natur. So ging ich da ran. Für mich war es kein riesiges Ding. Von außen sieht man das anders, glaube ich.

Haben Sie viel Kontakt zu den Leuten entlang der Strecke gehabt und mit ihnen über psychische Gesundheit gesprochen?

Viele Leute denken, weil ich mit meiner Fahrt eine Kampagne für psychische Gesundheit unterstütze, muss ich ein Fachmann auf dem Gebiet sein. Bin ich aber nicht. Ich fahre nur Rad. Aus diesem Grund haben wir eine Informationsseite auf der Website, über die man mit Experten in Kontakt treten kann. Aber natürlich haben wir auch Leute kennengelernt, die uns ihre persönliche Geschichte erzählt haben. Für sie waren wir wie offene Ohren. Ich glaube nicht, dass sie von uns Antworten auf ihre Fragen erwarteten. Sie wollten nur erzählen und, dass ihnen jemand zuhört. Kommunikation ist wichtig für die psychische Gesundheit.

Was war auf der ganzen Strecke der härteste Teil?

Der Wind machte mich geistig fertig. Ich wusste, dass es auch Berge geben würde. Die sind immer da. Mein Navi sagte mir genau, wo mich Steigungen und Abfahrten erwarteten. Ich wusste auch, dass ich durch die trockensten Wüsten auf der Welt kommen würde. Und ich wusste, die schlimmsten Wetterprobleme würden mich in Südamerika erwarten. [Der Wind] in Ushuaia war wie ein Alptraum. Aber noch viel schlimmer sollte er in Texas blasen, so etwas hatte ich noch nie erlebt. Bis zu 110 km/h.





In Texas erreichte Sie auch eine Nachricht, die das gesamte Unternehmen in Gefahr brachte. Was war das?

Meine Frau rief mich an wegen unserer Einladung zu Prinz Harrys königlicher Hochzeit, und mir wurde klar, ich musste am 102. Tag am Ziel sein, acht Tage vor der Planung. Das brachte mich ziemlich durcheinander und setzte mich noch mehr unter Druck. Deshalb fing ich an, auch nachts zu fahren. Da fühlte ich mich richtig einsam. Mental war das echt schwer. Tagsüber siehst du wenigstens die Landschaft. Nachts sah ich nichts weiter als den Navi und den Tacho. Die Staats- und Stadtpolizisten hielten mich dauernd an, weil sie es für ungewöhnlich hielten, nachts um 2 einen Radfahrer zu sehen. Das Gute daran war, dass es nachts weniger Wind und weniger Verkehr gab.

Und trotz der neuen Routenplanung gab es noch eine weitere Veränderung. Was passierte da?

Als ich nach Whitehorse, British Columbia, kam, fünf Tage vor Prudhoe Bay, Alaska, wusste ich, dass ich es in 102 Tagen schaffen würde. Aber dann erzählt mir jemand, dass ein Deutscher vorhatte, die Panamericana auch dieses Jahr in 100 Tagen zu schaffen. Ich musste meine Ziele also noch einmal anpassen. Das geht auf den Kopf. Aber ich denke, dass beide Sachen genau zur richtigen Zeit kamen. Wenn ich alles von Anfang an gewusst hätte, wäre der Druck noch größer gewesen.

Sie mussten ein paar Erholungstage opfern, um rechtzeitig zur Hochzeit zu kommen. War das hart für Sie?

Als ich anfing, dachte ich überhaupt nicht an Erholungstage. Insgesamt habe ich an vier Tagen Pause gemacht, aber das waren keine Erholungstage. Der Grund war das Wetter, genauer gesagt, der starke Wind. Ich hatte gar keine andere Wahl, vor allem in Texas, ich kam einfach nicht voran. Und ich bin sehr ungeduldig. Die Uhr tickte vom Anfang bis zum Ende, und ich schaffe es nicht zu relaxen. Ein Tag ohne zu fahren machte mich nervös, und ich wollte unbedingt zurück auf den Sattel. Einerseits war ich froh, dass das Wetter mich zu Pausen zwang, aber von mir aus hätte ich das nie so gemacht.

Hinsichtlich des Rades gab es technische Anforderungen vonseiten der Guinness-Rekorde. Worum genau ging es da?

Man darf den Rahmen nicht wechseln, aber andere Teile schon, wie zum Beispiel Reifen. Auf der Panamericana variiert die Fahrbahn von normalem Asphalt bis rauem Schotter. Das letzte Teilstück, die letzten 650 km ab Fairbanks, Alaska, ist eine der schlimmsten Straßen, auf denen ich je Rad gefahren bin. Das Orbea Terra hat genügend Freiraum für Straßen- und Schotterreifen, weswegen es für dieses Vorhaben genau richtig war.

Was hat Prinz Harry zu dieser Idee gesagt?

Ich hielt ihn immer auf dem Laufenden. Jedes Mal, wenn ich in ein neues Land kam, teilte ich ihm mit, wie weit ich der Planung voraus war, und schickte ihm Fotos. Er fand das total toll. Als ich ihn auf der Hochzeit sah, fasste er sich an den Bart – die Reporter glaubten, ich wusste, ob er sich ihn abrasieren würde oder nicht – und sagte nur: „Du hast abgenommen!“

Wie viele Spenden haben Sie erhalten?

Wir sind jetzt bei 504.000 £ [Stand 21. Mai 2018]. Mein persönliches Ziel ist 1 Million Pfund, und so lange wird die Aktion noch weiter laufen. Die abschließende Spendenveranstaltung, der „Wheels Down Ball“, wird am 3. Juli stattfinden, ein Smoking-Ball, auf dem das Fahrrad versteigert wird und zu dem viele Celebrities und Prominente kommen werden. Alle Spendeneinnahmen gehen an acht verschiedene Wohltätigkeitsorganisationen im Bereich psychische Gesundheit unter dem Dach von Heads Together.




 

 

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